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07.10.2005
Interview Franke in der FAZ zum Thema Doping

Doping-Fahnder Werner Franke
„Leute, helft euch selbst”

17. September 2005 Werner Franke ist ein weltweit anerkannter und hochdekorierter Krebsforscher. Doch in das Licht der breiten Öffentlichkeit trat er zusammen mit seiner Frau Brigitte Berendonk, einst Diskuswerferin und Kugelstoßerin, im Jahr 1991 als das Buch „Doping Dokumente”, in dem das systematische Doping des DDR-Sports anhand zahlreicher Unterlagen belegt wird, erschien.

Im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht der 65jährige unter anderem über seinen Rückzug - weil das System und verunreinigte Produkte zu viele Doping-Opfer produzieren. Gleichzeitig kritisiert er den Internationalen Leichtathletik-Verband (IAAF).

Bald ist es fünfzehn Jahre her, daß Sie in Bad Saarow die Dokumente gefunden und in Ihren Besitz gebracht haben, die das staatliche Doping in der DDR bewiesen. Seitdem haben Sie unendlich viel erreicht (Siehe auch: Kurzbiographie: Wissenschaftler und Aufklärer). Können Sie zufrieden sein?

Ja und nein. Aber es wird zuviel. Meine Frau ist 1995 ausgestiegen aus der Kampagne. Es kostete zu viele Nerven. Dazu kommen nun zunehmend Klagen von Athleten, die falsch positiv getestet sind. Zur Zeit habe ich zudem noch 150 Fälle, die ich für die Jenapharm-Klage medizinisch bewerten und begründen muß. Deshalb wollen meine Frau und ich nun nicht mehr angerufen werden. Keine neuen Dopingfälle mehr!

Falsche positive Fälle?

Genauso wie ich dagegen bin, daß junge Menschen gedopt werden, genauso bin ich als Naturwissenschaftler dagegen, daß wegen schlechter Wissenschaft, eines Gottesbeweises oder Donnergrollen Menschen auf dem Marktplatz verbrannt werden.

Was meinen Sie damit?

Es muß Schluß sein damit, daß Leute wegen falscher Analyseergebnisse oder verunreinigter Produkte bestraft werden. Es kann keine strikte Haftung nur auf einer Seite geben. Denn wer als Sportler durch Unterschrift auf seine bürgerlichen Rechte verzichtet, ist vogelfrei.

Das System muß sich dadurch, daß Athleten sich der Sportgerichtsbarkeit unterwerfen, selbst schützen.

Es handelt sich um ein System, mit dem die Verbände ihre Athleten erpresserisch in der Hand haben. Wenn man jemanden rauswerfen oder abstrafen will, kann man es tun, ohne Doping wirklich gerichtsfest beweisen zu müssen. Und wenn man jemanden schützen will, kann man es auch tun. Nehmen Sie zum Beispiel den Hochspringer Javier Sotomayor. Er ist zweimal erwischt worden, wurde aber wegen seiner Verdienste um die Leichtathletik nicht bestraft.

Und nun wollen Sie den ungerecht Behandelten nicht mehr helfen?

Ich kann nur sagen: Leute, helft euch selbst! Macht Sport, macht Leistungssport, aber gebt nie eure Rechte auf! Unterschreibt nichts, mit dem ihr Rechte aufgebt!

Dann darf aber ein Athlet nirgends starten.

Wenn das so ist, wenn es also heißt: Ein Athlet darf nicht in der Nationalmannschaft starten, weil er nicht unterschreibt, bin ich wieder zugänglich. Dem ersten, der klagt, zahle ich den ganzen Prozeß. Damit würde ich bis zum Bundesverfassungsgericht gehen. Jemanden vom Sport auszuschließen, der seine Rechte nicht abtritt, ist Nötigung. Und das ist sogar strafrechtlich relevant. Sie treten einer Konstruktion von Sportfuzzis - pardon: Funktionären - bürgerliche Rechte ab, und die können auch noch sagen, Sie seien ein Sportbetrüger!

All dies unterstellen Sie dem Internationalen Leichtathletik-Verband (IAAF)?

Ich unterstelle der IAAF, daß sie auf dem Standpunkt steht: Keine Dopingmeldungen, keine positiven Proben sind eine gute Nachricht. Deshalb erscheinen auch kaum noch positive Proben. Die IAAF ist entweder zu unintelligent oder zu korrupt, um ernsthaft zu kontrollieren und zu bestrafen. Tatsache ist, daß die Kontrollen nicht mehr so stringent stattfinden wie in der ersten Hälfte der neunziger Jahre. Es kommen kaum noch Kontrolleure in die Trainingslager nach Albufeira oder Kenia. Und auch auf den karibischen Inseln und in den weißrussischen Wäldern wird kaum noch kontrolliert.

Was fände man bei stringenteren Tests?

Sprinter nehmen zum Beispiel seit Jahren Epo im Training. Die IAAF weiß das. Sie kannte auch die Manipulationen der ungarischen Diskuswerfer und amerikanischen Sprinterinnen.

Sie muß es aber auch beweisen können.

Das könnte sie immer wieder. Etwa mit dem vollen Geständnis der Sprinterin Kelli White oder den Dokumenten des Balco-Verfahrens als Grundlage. Die Verurteilung der 200-Meter-Hallenweltmeisterin Michelle Collins in Amerika zeigt das.

Es wird doch immer noch umfangreich kontrolliert.

Die Proben müssen aber zu Zeiten genommen werden, in denen man dopende Sportler erwischen kann. Was sollen vierhundert Proben bei der Leichtathletik-WM in Helsinki? Das ist Geldverschwendung. Die Profis wissen, daß sie dort clean erscheinen.

Sie erheben immer wieder den Vorwurf, es gebe auch heute noch die klassischen Ausreisekontrollen, wie einst in der DDR mit Hilfe des Doping-Labors in Kreischa praktiziert. Woraus schließen Sie das?

Nehmen Sie den Fall von Julia Nesterenko, der weißrussischen Sprint-Olympiasiegerin von Athen. Da blieb ein positives Testergebnis vor zwei Jahren ohne die geringsten Folgen. Sie war bei einem Regionalvergleich in Polen positiv auf Clenbuterol getestet worden. Analysiert wurde von einem Labor in Warschau, das der polnische Sport eingerichtet hatte. Dessen Leiterin, Dorota Kwiatkowska, meldete den positiven Befund aber nur dem staatlichen polnischen Sportverband. Die IAAF wurde nicht informiert und fühlte sich auch nicht zuständig, als das nach den Olympischen Spielen herauskam. Die Verbände berufen sich darauf, daß das Warschauer Labor damals noch nicht akkreditiert war. Ich nenne solche Verhältnisse „Kreischa auf höherer Ebene”. Frau Kwiatkowska mit den Ergebnissen in den Zeugenstand zu holen - das hätte ausgereicht.

Wollen Sie sagen, daß nur Sportler auffallen, bei denen eine Panne passiert?

Wer heute erwischt wird, ist in so vielen Fällen, daß es nicht mehr hinnehmbar ist, unschuldig. Das sind oft Sportler, die nicht wissen oder nicht wissen können, daß sie eine verbotene Substanz aufnehmen. Die eigentlichen Täter aber, die Profis, werden von Leitstellen beraten und geführt. Im Osten sind das staatliche, im Westen kommerzielle Netzwerke. Die Sportler bekommen E-Mails, in denen steht, was sie wann nehmen dürfen und was nicht. Diese liegen vor; ich selbst habe einige öffentlich gemacht. Victor Conte, der Balco-Chef, schrieb sogar, er habe einen Maulwurf im Dopingkontrollabor von Los Angeles sitzen. Die Profis sind also voll informiert und geschützt. Sie werden nicht erwischt. Zu den Ermittlungsakten im Fall Balco gehören drei ganze Seiten, auf denen an die fünfzig Geldüberweisungen aufgelistet sind, die von Spitzensportlern an die Firma Quest Diagnostics gegangen sind. Marion Jones hat noch aus Sydney, nachdem ihr damaliger Mann T. J. Hunter mit absurd hohen Werten erwischt worden war, eine Urinprobe zu Quest geschickt, um sicher zu sein, daß sie nicht erwischt werden kann. Sie erfuhr postwendend, das Analyse-Ergebnis sei zwar merkwürdig, sie könne aber beruhigt starten. Ich habe im letzten Jahr in San Francisco Strafanzeige gegen Quest erstattet.

Was ist an Analysen strafbar?

Im angelsächsischen Strafrecht gibt es den Tatbestand der Co-Conspiracy, der Beihilfe zu einer Straftat. Der Testosteron-Epitestosteron-Quotient wurde bei Quest von Viktor Uralets gemessen, der früher im Moskauer Dopingkontrollabor ähnlich tätig war. Es gibt aber auf unserem ganzen Planeten keinen Grund, Epitestosteron zu messen, außer in der Absicht, Dopingkontrollen zu unterlaufen.

Apropos Epitestosteron: Stimmt die Behauptung, daß der Rest der Welt in puncto Doping jetzt den Stand erreicht hat, den die DDR an ihrem Ende hatte?

In E-Mails schreibt Conte an seine Athleten vom „Trick from Europe”. Das war tatsächlich die Manipulation mit Epitestosteron, um Doping mit Testosteron zu kaschieren. Beide Substanzen wurden als dafür hergestellte Salbe „the Cream” den Sportlern verabreicht. In anderen Dingen ist die Entwicklung wesentlich weiter, weil es neue Mittel gibt. Bei einer amerikanischen Radsportlerin wurde etwa Norbolethon gefunden, eine Substanz, zu der die Fachliteratur etwa 1973 ausläuft. In den neunziger Jahren tauchte dann wieder Literatur auf - und zwar aus China. Das Labor in Montreal hat ein neues Mittel nachgewiesen, von dessen Komplexität die Wissenschaftler überrascht waren. Nach meinen Informationen kommt vieles aus China, auch Designerdrogen.

Ihre Verdachtsmomente sind erheblich. Auf der anderen Seite verteidigen Sie ganz persönlich Athleten wie Bernard Lagat.

Oder die junge Speerwerferin Carolin Soboll. Stellen Sie sich vor, Sie hätten eine Tochter, die den Speer wirft. Durch verunreinigte Eiweißprodukte, die bei uns offen vertrieben werden, wird sie positiv. Der Laborchef, alle, die den Fall kennen, verteidigen sie. Doch der Verband sperrt sie für zwei Jahre. Sie gilt nun bis an ihr Lebensende als Dopingkriminelle. Oder Lagat: Einer meiner Mitarbeiter hat als Beobachter bei der B-Probe so viele Fehlermöglichkeiten aufgezeigt, daß er freigesprochen werden mußte. Er klagt nun gegen die IAAF auf Schadensersatz.

Man fragt sich, wie Sie einerseits Doping inklusive seiner bunten Ausredenkultur ablehnen können, aber denjenigen glauben, die zu Ihnen kommen.

Zu mir kommen nur bestimmte Leute. Ich bitte oft meine Frau, dazuzukommen und ihre Antennen auszufahren. Sie merkt besser als ich, ob Leute ehrlich sind. Bei Lagat war übrigens das Verfahren technisch sauschlecht. Meiner technischen Assistentin, die seit dreißig Jahren mit solchen Techniken arbeitet, ist fast der Atem weggeblieben: so schlecht!

Sie legen für Lagat die Hand ins Feuer?

So wie ich ihn kenne: ja.

Wie viele falsche positive Fälle sind Ihnen persönlich bekannt?

Inzwischen leider eine ganze Reihe. Ein gutes Beispiel ist der Berliner Fußballspieler Manuel Cornelius. Er war positiv auf Nortestosteron. Der Spieler hatte vom Sportarzt des Vereins ein kontaminiertes Kreatinpräparat bekommen. Der Arzt hatte es in einer ordentlichen deutschen Apotheke gekauft.

Sie sagen, viele positive Fälle seien fragwürdig.

Ja, leider. Cornelius wurde freigesprochen, weil er sich frühzeitig an einen Anwalt gewandt hat und dieser in der Verhandlung vor dem Verbandsgericht - das ihn verknacken wollte - fragte, ob er etwa selbst Chemie studieren und an sich legale Substanzen selbst auf Verunreinigungen untersuchen solle. In dem Fall hat übrigens das zuständige Chemische Untersuchungsamt in Stuttgart bei dem Vertreiber nachgeprüft und dort insgesamt drei solche kontaminierten, in Drogerien und Apotheken verkauften Mittel festgestellt. Wie soll ein Athlet da der „strict liability”, der strikten Verantwortung für das, was er im Körper hat, gerecht werden?

Ein Doper könnte sich mit solch einer Geschichte aus dem Fall herauswinden.

Nicht, wenn sein Wert über einer bestimmten Konzentration liegt. Aber was soll das: Die Schuld muß doch dem Sportler nachgewiesen werden.

Das klingt nach einer Zwickmühle, selbst wenn man den Verbänden - was Sie nicht tun - guten Willen unterstellt. Was sollen sie tun?

Sie sollen sich um den Nachweis des Dopings kümmern und Doping bestrafen. Also zu Zeitpunkten testen, an denen die Leute voll sind. Klaus Wengoborski, ein ehemaliger Kriminalpolizist, hatte erstaunliche Erfolge, auch international. Doch er wurde lange Zeit nicht zentral eingesetzt. Er war derjenige, der Katrin Krabbe erwischte, übrigens auch mit Clenbuterol.

Im Fall Dieter Baumann waren Sie auch von eindeutig positiven Ergebnissen nicht zu überzeugen. Wieso?

Es ist überhaupt kein Problem, jemanden positiv zu machen. Mit ein paar Tropfen Olivenöl kann man ein ganzes Olympisches Dorf kontaminieren. Steroide wie Testosteronester sind fettlöslich. Die können Sie in ungemein hoher Konzentration in Olivenöl lösen oder damit die Kaffeesahne eines Hotels ganz leicht kontaminieren. Die Herstellerfirma von Andriol, Organon, hat das einmal in einer wissenschaftlichen Veröffentlichung dargestellt.

Halten Sie das für möglich?

Es ist bekannt, daß solche Dinge untergeschoben werden. Im Fall Baumann habe ich Unterlagen von der Staatssicherheit der DDR gezeigt, in denen steht, wie sie jemandem Mittel in der Zahnpasta untergeschoben haben. Eine Sportlerin wie Heike Henkel hat mir einmal erzählt, wie sie auf ihr Gepäck aufpaßt, daß sie darauf achtet, ihre Getränke nur in original verschlossenen Gefäßen zu bekommen et cetera. Dem Schwimm-Weltmeister Mark Warnecke wurde bei der deutschen Meisterschaft 1998 in Fulda eine Spritze mit Testosteronester in die Sporttasche geschoben. Als mein Sohn in der Mannheimer Halle trainiert hat, habe ich ihn angehalten, Getränke nur aus dem Automaten zu ziehen. Das wäre doch ein gefundenes Fressen gewesen: Berendonks Sohn gedopt!

Kann man nicht auch aus diesen Überlegungen schließen, daß die Anklage einzelner Dopingsünder sowieso wenig bringt?

Wer zwei Jahre Dopingsperre erhält, der ist wirklich gestraft. Sie dürfen selbst einem Mörder seine Tat nicht öffentlich vorwerfen, wenn er aus dem Gefängnis entlassen ist. Im Sport kann einen nach einer Verurteilung jeder beliebig beschimpfen; im schlimmsten Fall kann ihm noch jemand auf den Grabstein sprühen: Doping-Sau. Niemand schützt sie, denn das ist ein außergerichtlicher Bereich, in dem sie verurteilt wurden. Ich bin für die härtesten Strafen - allerdings nur, wenn sie nach rechtlichen Kriterien erfolgen.

Ist das die Konsequenz: Nur der Staat darf Doping verfolgen?

Mit diesen Ausmaßen darf es nur der Staat. Die sportliche Strafe wird ja in der Gesellschaft angesehen wie eine strafrechtliche Strafe. Nehmen Sie einmal an, jemand, der wegen Dopings gesperrt war, bewirbt sich um eine Stelle. Da muß sich nur jemand an den Zusammenhang mit Doping erinnern, dann ist er raus.

Sie kritisieren die Analysen, und Sie kritisieren die Sportrichter - lehnen Sie das aktuelle Anti-Doping-System ab?

Nein. Doping-Test und -Nachweis sind unersetzlich. Nur: Es kommt auf die Interpretation an. Der Sport muß beweisen können, daß sich jemand absichtlich gedopt hat.

Das kann doch nicht funktionieren.

Bei intelligenten Kontrollen schon. Siehe Wengoborski. Kaum wußte man, wie das Balco-System funktioniert, sind einige erwischt worden. Und wenn ich diese ganze Mischpoke in Helsinki oder beim Istaf in Berlin am Start sehe: Shanna Block-Pintusewitsch; deren Mann ist als Mitglied des Balco-Systems benannt. Chandra Sturrup; deren Lebensgefährte hat Andriol in großem Maßstab aus Mexiko in die Vereinigten Staaten geschmuggelt. Die Clenbuterolikerin Nesterenko hatten wir schon.

Das ist doch das Dilemma, vor dem so ein Verband steht. Fordern Sie Bestrafung ohne positiven Test?

Wenn es andere Beweise gibt, ist das möglich. Michelle Collins ist ganz ohne positive Probe verurteilt worden, weil die Evidenz groß genug war. Man kann Athleten durchaus sperren aufgrund von glaubwürdigen Zeugenaussagen, wie in ordentlichen Gerichtsverfahren auch. Nehmen Sie diese Show in Paris: Modafinil bei Kelli White! Wissen Sie, wie Narkolepsie wirkt? Das wäre doch mal was: Eine Sprinterin, die sich nach dem Startschuß hinlegt und einschläft! Sie hat ja später gestanden, daß sie gar nicht wußte, was Narkolepsie wirklich ist. Aber es zeigt: Wenn Kontrollen richtig gemacht werden, wenn nach der richtigen Substanz in den richtigen Konzentrationen gesucht wird, gehen die Täter sofort in die Knie und gestehen.

Gibt es auf der Welt weitere Balcos?

In den Vereinigten Staaten weitere zwei. Ich gehe davon aus, daß eins auch bald bekannt wird.

Was denken Sie, wenn Sie sich Leichtathletik-Wettkämpfe im Fernsehen anschauen?

Ich lache mich oft kaputt. Ich wundere mich, daß die Leute angesichts der Aktenlage in den Vereinigten Staaten, wenn diese Leute bei der WM an den Start gehen, doch wieder an deren Unschuld glauben. Und die tollen Reporter, insbesondere vom ZDF, vollbringen geradezu Kunststücke, das Unwort Doping nicht zu benutzen. Das ist doch lächerlich; genauso wie die Einblendung von überirdischen Doping-Rekorden.

Nun sind Sie schon so lange Antidopingkämpfer, seit den Olympischen Spielen in Montreal, und das ist der Stand der Dinge. Sind Sie verzweifelt?

Sie unterstellen mir missionarischen Eifer. Ich bin kein Antidopingkämpfer. Ich habe nur einen Eifer: aufklärerischen. Was wäre, wenn morgen alle intelligenten jungen Frauen sagen: Ich mag mich nicht virilisieren. Ich mache Sport, aber nicht von dieser Art, und unterschreiben werde ich auch nichts. Ich will in diesen Dreck nicht rein, auch nicht dadurch, daß ich am Start neben jemandem sitze mit bestimmten Hirsutismus-Haaransätzen - und schon vorher weiß, daß ich verloren habe. Und wenn ihr mich nicht wollt, dann bleibe ich eben weg.

Aber diese Distanz hat doch niemand, der abhängt von seinem sportlichen Erfolg.

Existentielle Abhängigkeit vom Sport ist sowieso nicht unterstützenswert. Man muß die Jugend aufklären. Wenn da ein Endlauf ist mit Sprintern, deren Trainer in einen Strafprozeß verwickelt sind, muß man das doch sagen.

Sprechen Sie einem aufgeklärten, intelligenten Amateurismus das Wort?

Ja. Es ist nicht gerechtfertigt, daß der Staat dieses System nur unter der einzigen Prämisse Erfolg fördert - Medaillen ohne Sauberkeit. Er fördert das auf dem Rücken von Tausenden junger Menschen, denen suggeriert wird, daß es sinnvoll sei, ihre Ausbildung zugunsten von sportlichem Erfolg zu vernachlässigen. Der Staat ist schon seit längerem auch für abgebrochene Lebensläufe verantwortlich. Dazu kann auch die Lüge der Landesverteidigung - also die Bundeswehr - beitragen.

Wäre es Ihnen recht, wenn Verlieren einerlei wäre?

Was heißt denn „verlieren”? Wenn jemand heute noch genauso viele Medaillen wie in Seoul und Barcelona verlangt, dann muß ein Sportler sagen können: Ihr tut uns in eurer Ignoranz oder Verlogenheit nur noch leid. Wir machen unseren Sport und leben unser Leben. Sauber.

Das Gespräch führten Michael Reinsch und Evi Simeoni.

Text: F.A.Z., 17.09.2005, Nr. 217 / Seite 37
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa


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